Meine Mutter und Ich

Anfang

 

An einem tristen Wintertag sass ich vor meinem neuen PC und dachte mir:
Es wäre doch keine schlechte Idee, die vergangenen Jahrzehnte mit all ihren Erlebnissen, Begebenheiten und Ereignissen am Computer festzuhalten, vielleicht auszudrucken und dann- wie in einem Buch- zu lesen, was in dieser langen Zeit so alles passiert ist.
Ich gebe zu, dass ich meine Heimat, das schöne Erzgebirge, auch heute noch nicht vergessen kann und oft an die Zeit, die ich dort verbrachte, zurückdenke.

Was hat sich doch im Lauf der Zeit geändert.
Für mich war es eine miterlebte Revolution. Einmal in der Woche flog ein Propellerflugzeug der tschechischen Armee über unsere Stadt, - für uns eine Attraktion und wert, um auf die Strasse zu laufen und hochzuschauen. Heute fliegen riesige Düsenflugzeuge mit vielen Passagieren an Bord nach allen Erdteilen und in alle Städte unserer Erde. Wenn damals ein Zeppelin gefahren kam, rannten wir alle auf die Strasse, verrenkten uns das Genick und bestaunten das Ungetüm, denn das war eine Sensation und nicht oft zu sehen.

Wenn ich diesen Luftfahrzeugen mit grossen Augen hinterher sah, hätte ich mir nie träumen lassen, selbst mal durch die Luft zu fliegen. 

Ich musste zwar etwas mehr als drei Jahrzehnte darauf warten, desto schöner und aufregender wars dann aber, als ich mit meinem jüngsten Sohn Thomas im Bayernurlaub einen Rundflug mit einer einmotorigen Maschine über den Bayrischen Wald machte. Dabei konnte ich feststellen, dass Landesgrenzen, -sonst streng bewacht, kontrolliert und mit etlichen Unannehmlichkeiten für Ein-und Ausreisende versehen, -nicht mehr existierten?
(getreu dem Motto: " Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein")
Zu meinem 60. Geburtstag bekam ich von meiner Familie eine Fahrt mit einem Freiballon geschenkt. Dieses Gefühl des Schwebens, des Losgelöstseins, der absoluten Stille, - nur ab und zu unterbrochen vom Geräusch des Gasbrenners, - kann man nicht richtig beschreiben, das muss man selbst erlebt haben.
ICH HABE ES!
In meiner Kinderzeit war unsere einzige Informations- u. Unterhaltungsquelle ein Röhrenradio, Marke Volksempfänger, das mit einem Akku betrieben wurde. Diesen musste ich jede Woche zum Aufladen ins Elektrogeschäft nach Komotau, unserer Bezirkshauptstadt, bringen. Mehr als zwei Stunden Musik und/ oder Nachrichten pro Tag waren da nicht drin, sonst wäre der Akku zu schnell leer gewesen. Das einzige, was wir regelmässig hörten, war das Sonntagskonzert mit böhmischer Blasmusik, das Vater immer einschaltete. Das war nun mal unsere Lieblingsmusik.

Heute besitzt fast jeder eine Stereoanlage mit CD-Spieler, einen Walkman, Fernseher, ein Auto, Roller und ein tolles Fahrrad -auch ich. Wir empfangen Musik- u. Fernsehsendungen über Satellit. Amerikaner natürlich - sind als erste Menschen auf dem Mond gelandet, in Japan wurde - mit verheerenden Folgen -durch eine Atombombe der 2. Weltkrieg beendet. Stundenlang könnte ich so weitermachen in meiner Aufzählung. Was heute ganz normal ist, wäre damals eine Sensation gewesen.

Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich von meinen Eltern ein Fahrrad geschenkt und war damit der King bei meinen Freunden, ganz abgesehen von den Geschäften, die ich damit machte:- So kostete z. B. eine Runde auf meinem Rad mind. fünf Murmeln oder ein kleines Taschenmesser oder eine Zwiesel ( Spatzenschiesser ) oder, oder. . . Noch nie zuvor war ich so " reich" gewesen.
Heute sitze ich am Computer, einem Hochleistungsgerät und schreibe an meinen Erinnerungen. Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass es mal so ein Gerät geben, ich vor einem solchen sitzen und noch viel weniger, dass ich selbst eines besitzen würde.
Viele Ereignisse, Erlebnisse und Geschichten aus meiner Jugend, lustige und traurige, aber auch weltbewegende,
z. B die gewaltlose Trennung von der tschechischen Republik, der Beginn des 2. Weltkrieges, die Kriegsjahre ohne Vater, ziehen in Gedanken an mir vorbei. Die Zeit nach dem Krieg, als die tschechischen Revolutionstruppen ins Sudetenland kamen und uns aus den Wohnungen vertrieben, anschliessend die Zeit im Durchgangslager in Weipert, wo man uns fast jeden Tag filzte, (bis es irgendwann nichts mehr zu filzen gab) Letztendlich die endgültige und nicht mehr zurücknehmbare Vertreibung aus unserer Heimat.Dies alles sind Ereignisse und Begebenheiten, die, so glaube ich, es wert sind, irgendwie festgehalten zu werden.
Frohe, aber auch traurige Erinnerungen aus meinem Leben ziehen in Gedanken an mir vorüber, Ereignisse, die Jahrzehnte in mir ruhten.
Also liess ich mir von meinen Kindern und Enkeltöchtern erklären, wie ich diese Ereignisse und Begebenheiten am Computer festhalten und später eventuell weiterverarbeiten konnte.
Zwar stehe ich immer noch ziemlich am Anfang, aber ich komme der Sache schon näher, auch mit der Tastatur komme ich schon ganz gut zurecht.  - Übung macht den Meister -

Hier ist nun das Ergebnis, das an vielen Winterabenden, aber auch an sonnigen und heissen Sommertagen zustande kam.

Es ist mir bewusst, dass ich vieles, was im Lauf meines Lebens geschehen ist, nicht mehr so genau nachvollziehen kann und dass ich wahrscheinlich auch etliches vergessen habe oder mich nicht mehr exakt daran erinnern kann.

Vor allem die Zeitdaten machen mir doch etwas zu schaffen. Doch ich werde versuchen, alles so gut wie möglich niederzuschreiben.

 

E. Hahn

Die Geschichten im Überblick:


Badespaß in meiner Kinderzeit

 

Auch wenn wir im Gebirge nicht mit den Temperaturen im Flachland mithalten konnten, gab es doch immer wieder mal heiße Tage, an denen wir uns im Wasser vergnügen konnten.
Für diesen Spaß gab es bei uns in Pressnitz, meiner Heimatstadt, den Feuerwehrteich, der bei uns Kindern sehr beliebt war.
Mein Bruder und ich konnten damals zwar noch nicht schwimmen, doch das tat unserer Freude am Wasser keinen Abbruch.
Mit unseren Freunden, dem Wohlrab - Anderle, dem Kittner-Toni und noch einigen anderen aus der Schule trafen wir uns immer, wenn es warm genug war, zur Gaudi am Feuerwehrteich.
Da wurden dann große Wasserschlachten ausgetragen, die nicht selten in harmlosen Raufereien endeten.
Manchmal kamen auch noch Buben aus Dörnsdorf oder von noch weiter her zu unserem „ Badesee “,
dann ging es oft richtig zur Sache. Umkleidekabinen oder Sprungbrett kannten wir nicht, doch dafür konnten wir ab und zu eine schöne Forelle mit nach Hause bringen.
Da der Teich von den Hängen unterhalb des Hassbergs gespeist wurde, kamen die oft mit in unseren Teich geschwommen. Ich glaube, Mutter hatte sich schon daran gewöhnt, dass wir öfters ein schönes Exemplar nach Hause brachten.
Deshalb versuchte mein Bruder, einige von den schönen Kerlen zu erwischen, was ihm aber nur selten gelang.

Also spezialisierte er sich auf das Fangen von Fröschen und machte reichlich Beute, wovon die spitzen Schreie der Mädchen zeugten, wenn er sie ihnen präsentierte. Natürlich moserten sie und bezeichneten ihn als Tierquäler, was ihn aber nicht weiter störte.
Wir alle hatten einen Riesenspaß an unserem „ Badesee “. Ich weiß nur eins, dass für uns so ein Nachmittag viel zu schnell verging. Komischerweise kamen wir abends dreckiger nach Hause als wir weggegangen waren, obwohl wir doch im Wasser gewesen waren.
Aber auch die schönen warmen Sommertage waren viel zu schnell vorbei und dann wars aus mit den Badefreuden.
 
Eduard F. Hahn    

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Mein Bruder Fritz

 

Er kam 18 Monate nach mir zur Welt und wurde auf den Namen Friedrich getauft, von allen aber nur Friedl gerufen.
Viel später, als er schon erwachsen war, nannte ihn einer seiner beknackten Freunde Fritz - und dabei blieb es dann. Er war es, mit dem ich als Kind am meisten zusammen war, zusammen spielte und am meisten erlebte.


Deshalb widme ich ihm, der jetzt schon einige Zeit nicht mehr unter uns weilt, diese Zeilen.
Vielleicht ist es ja auch für seine Kinder und seine Frau interessant, zu erfahren, wie er in seiner Jugend war und was er sich für Streiche geleistet hat.

Allerdings kann man diese Streiche nicht mit denen der heutigen Jugend vergleichen. Unsere mögen manchmal derb ausgefallen sein, aber gewalttätig, wie es heute sehr oft der Fall ist, waren sie nie.

Ich brauchte gar nicht viel in meiner Erinnerung zu kramen, um so viele Jahre später noch immer zu lachen über all das, was wir zusammen ausgeheckt haben.Mit keinem meiner anderen 5 Brüder habe ich so viele Abenteuer erlebt wie mit ihm. Naja, das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass er nur einundeinhalb Jahre jünger war als ich  

und unsere anderen Brüder die ersten Jahre unserer Kinderzeit von unseren Streichen nicht viel mitbekamen, weil sie ja teils noch nicht geboren oder für uns nur " kleine Rotznasen " waren, die wir oft, sehr oft im Abseits stehen liessen und froh waren, wenn wir uns nicht um sie zu kümmern brauchten - was wir leider sehr oft tun mussten. Da war es kein Wunder, dass manchmal die Fetzen flogen, auch zwischen Fritz und mir. Er hatte eben seinen Kopf, - einen ziemlich harten - und ich den meinen. Wie oft trug Mutter ihm auf, einen seiner kleineren Brüder im Kinderwagen herumzufahren oder einfach nur auf ihn aufzupassen.

Aber wenn er etwas vorhatte, was öfters vorkam, oder wenn er einfach keine Lust hatte, - was auch sehr oft der Fall war, - Kindermädchen zu spielen, dann hatte ich immer die Arschkarte. Aus diesem Grund gab es oft Zoff zwischen uns, was dann oft in eine handfeste Keilerei ausartete, in der ich meistens der Unterlegene war. Überhaupt bekam ich von ihm mehr auf die Hörner als er von mir, was aber nicht heisst , dass ich Angst vor ihm hatte, - nur, er war eben stärker als ich und das sah man sehr oft an meiner blutigen Nase.

Aber ansonsten waren wir ein Herz und eine Seele und wenn es darum ging, mich gegen andere zu verteidigen, war er immer für mich da. Wie oft er sich wegen mir oder für mich mit manchmal weitaus stärkeren Gegnern prügelte, - ich kann es nicht zählen. Auch als wir schon lange erwachsen waren und jeder seine eigene Familie hatte, wurde er wütend, wenn mir jemand unrecht getan hatte oder mir an den Kragen wollte. Ja, und dann flogen eben die Fetzen. Dass ich seinetwegen oder wegen irgendwelcher Bubenstreiche, die er allein oder mit mir zusammen ausgeheckt hatte, öfters eine Abreibung von Mutter bekam, war zwar manchmal schmerzhaft, aber wie ich heute feststellen kann, hab ich auch das gut überstanden. Schön war die Kinder u. Jugendzeit mit ihm - und nie war sie langweilig.
Und ganz bestimmt hatte auch Mutter keine Langeweile mit uns. Ausserdem hatte sie ja nicht nur auf uns zwei zu achten, denn im Lauf von wenigen Jahren waren wir vier und kurz darauf fünf und etwas später sechs Brüder, die dafür sorgten, dass es ihr nie langweilig war. Doch wir zwei waren es hauptsächlich, die sie damals auf Trab hielten. -

Wie oft der Gendarm bei uns erschien..... ich weiss es nimmer. Und meistens kam er nicht zu Unrecht.

Die ersten Fragen, die er stellte, waren immer die gleichen : Wo waren wir Zwei zu dem und dem Zeitpunkt gewesen und wer konnte das betätigen ? Dass Mutter damals oft sauer war, ist mir heute mehr als klar. Uns beide, vor allem Fritz, interessierte es nicht weiter, dass sie ausgiebig damit beschäftigt war, unsere zerrissenen Klamotten wieder herzurichten und unsere Beulen und Verletzungen, die wir uns gegenseitig beibrachten, - oder von anderen beigebracht bekamen, zu behandeln. Viele Jahre später, als wir erwachsen waren, sprachen wir öfters von dieser Zeit, lachten darüber, hätten aber auch gerne viele Ereignisse, grade die, die Muter betrafen, rückgängig gemacht.

Wie schön wäre es gewesen, wenn wir die Fehler von damals hätten ausbügeln und ungeschehen machen können. Nun, dies ist das Vorwort zu einer Reihe von einigen kleinen Geschichten über meine Kinderzeit mit Fritz und den Abenteuern und Erlebnissen, die ich mit ihm erlebte und die, so glaube ich, es wert sind, dass sie niedergeschrieben werden. Denn diese kleinen Geschichten zeigen, wie schön unsere Kinder u. Jugendzeit oft war.

Für mich bleibt diese Zeit unvergessen.

 

E. Hahn

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Kahnfahrt auf der Lehmgrube in Tschernowitz

 

Es war ein heisser Sommertag und jeder schwitzte, - sogar der grösste Faulenzer. Also beschlossen mein Bruder Fritz und ich, zur Lehmgrube, wo man bis vor einigen Jahren Ziegel hergestellt hatte und die voll Wasser gelaufen war, zu gehen und uns dort abzukühlen. Bevor wir loszogen, verschwand Fritz mit der Bemerkung, er sei gleich wieder da. Was mochte er denn jetzt wieder vorhaben? Schliesslich sah ich ihn um die Hausecke kommen. Aber was schleppte der narrische Kerl denn da auf seinem Buckel?

Ich traute meinen Augen kaum, - er hatte doch tatsächlich Mutters guten, alten Waschtrog, ein hölzernes Ungetüm, entführt und meinte: " Wir wollten doch schon immer eine Kahnfahrt machen und das werden wir heute tun. Du kannst Kapitän spielen und ich bin der Steuermann. Ich glaube, das wird uns viel Spass machen". Da war ich mir aber nicht so ganz sicher, denn was er vielleicht vergessen hatte : Wir konnten damals beide noch nicht schwimmen. Doch anscheinend störte das meinen abenteuerlustigen Bruder nicht weiter.
"Du brauchst keine Angst zu haben, das alte Ding trägt uns beide ganz sicher, es kann uns gar nichts passieren", so überging er meine Bedenken und forderte mich auf, mit anzupacken, denn der Trog hatte doch ein ganz schönes Gewicht.

An der Lehmgrube angekommen, brachten wir unser Prachtstück zu Wasser und ich musste als Erster darin Platz nehmen. Dann schob Fritz uns weiter ins Wasser, schwang sich, mit viel Schaukelei, in unser Abenteuerboot und los ging die Fahrt.Am Anfang hatte ich noch Angst, doch ich muss zugeben, nach kurzer Zeit machte mir die Sache Spass.
Es war schön auf dem Wasser, wir wurden übermütig in unserem schwankenden Kahn, spritzten uns gegenseitig nass - jedenfalls hatten wir eine Menge Spass. Ich weiss bis heute nicht, wie es passierte, ob Fritz den Spund, der für den Wasserablauf gedacht war, mit Absicht oder nur aus Versehen herausgezogen hatte, auf jeden Fall sassen wir plötzlich im Wasser. Zuerst war nur mein Hintern nass, doch dann merkte ich, dass das Wasser immer höher stieg. Langsam bekam ich Panik, doch Fritz behielt die Ruhe und meinte: " Keine Angst, wir werden schon nicht absaufen, der alte Kasten schwimmt trotzdem, auch wenn er voll Wasser ist".
Und er behielt Recht. Wir hielten uns einfach am Rand fest und paddelten wie die Weltmeister in Richtung Ufer. Vorher mussten wir aber erst noch den Spund holen, der ein ganzes Stück abgetrieben war. Es dauerte zwar eine kleine Ewigkeit, bis wir wieder am Ufer landeten, doch der alte Trog hatte uns wirklich sicher wieder an Land gebracht. Nachdem wir ihn entleert hatten, klopfte Fritz zuerst mal den Spund wieder fest , dann drehten wir ihn um, damit er von innen schön getrocknet wurde und widmeten uns einer anderen, wichtigen Angelegenheit. Fritz war auf Froschjagd gegangen und brachte einige stattliche Exemplare angeschleppt. Während ich den Tierwärter machen und aufpassen musste, dass uns die Viecher nicht entkamen, suchte er einige Strohhalme, die er für einen ganz bestimmten Zweck brauchte.
Einen Frosch nach dem anderen schob er einen Strohhalm in den Hintern. Dann blies er durch die Halme Luft hinein und warf die armen Viecher ins Wasser, wo sie wie wild herumpaddelten, während aus ihren Hintern die Strohhalme wie die Antenne einer Fernsteuerung in die Luft ragten. Verzweifelt versuchten sie mit ihren dicken, aufgeblähten Bäuchen zu tauchen und sich vor uns zu verstecken, doch die Luft, die sie in ihrem Balg hatten, vereitelte all ihre Versuche.
Im Prinzip war das Tierquälerei und mir war die Sache nicht ganz recht, doch Fritz kümmerte sich nicht darum und hatte einen Riesenspass. Der Nachmittag verging für uns wie im Flug und bald war es Zeit, dass wir nach Hause mussten. Jetzt hatten wir nur noch das Problem, den Trog, ohne erwischt zu werden, wieder an Ort und Stelle zu bringen. Natürlich ging es schief und Mutter ertappte uns. Sie war sauer und deshalb verlief der Abend nicht ganz so schön wie der Nachmittag am Wasser.
Doch trotz allem: Es war ein schöner Nachmittag gewesen.

 

E. Hahn

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Mäusejagd in der Schule

 

"Schule ist blöd und ich langweile mich ganz toll " meinte mein Bruder zu mir. " Es wird höchste Zeit, dass wir mal wieder etwas Leben in die Bude bringen ". Dann fragte er mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte. Ich überlegte hin und her, doch ich kam zu keinem Ergebnis. Schließlich brachte Fritz seine Idee zur Sprache. " Als wir das letzte mal mit den Eltern nach Orpus spazierten, hab ich auf einem abgemähten Acker eine Menge Löcher gesehen - Feldmäuse.- Wenn wir uns einige von denen fangen, könnten wir damit einen schönen Zauber in der Schule veranstalten. Kannst du dir vorstellen, was da los wäre ? " Ich muss sagen, er hatte doch immer wieder gute Ideen. Am nächsten Nachmittag machten wir uns an die Arbeit. Mit einer alten Blechbüchse bewaffnet, zogen wir los, hinaus auf den von Fritz auserwählten Acker. Den vielen Löchern zufolge musste es eine Menge Mäuse hier geben und so war es auch. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit - wir waren schließlich Experten auf dem Mäusefanggebiet - hatten wir eine schöne Portion von den kleinen Nagern in unserer Büchse. Tierquäler waren wir nicht, deshalb gab es, als wir zu Hause waren, erst mal was zu futtern für sie. Jetzt war zu überlegen, wie wir die Mäuschen unbeobachtet in die Schule bringen konnten. Schließlich kam Fritz auf die Idee, seine Schulhefte und was dazugehörte, in meinen Schulranzen auszulagern und die Nager in seinem zu transportieren. "So können wir sie unbeobachtet rausholen und losmarschieren lassen. Was denkst du, was das für eine Gaudi gibt. Ich kann es gar nicht erwarten, bis es so weit ist."

Einige Tage später schritten wir dann zur Tat. Mein Schulranzen war doppelt so schwer wie sonst. Kein Wunder, bei der doppelten Menge von Schulbüchern und Schreibheften. An der Schule angekommen, informierten wir erst mal unsere Freunde über den geplanten Streich, damit sie nicht aus Versehen quer schossen. Logisch, dass wir allgemeine Zustimmung fanden. Alle waren begeistert von unserer Idee. Als die Schulglocke ertönte, gingen wir voller gespannter Erwartung in unsere Klasse, wo Fritz seinen Ranzen mit dem brisanten Inhalt vorsichtig auf den Boden zwischen seine Beine stellte und auf den richtigen Augenblick wartete, die kleinen Flitzer freizulassen. Unauffällig öffnete er ihr Gefängnis, kippte den Ranzen auf die Seite und beobachtete, wie sie sich auf den Weg machten, froh, aus ihrem Gefängnis zu entkommen. Es dauerte gar nicht lange, da erscholl der erste schrille Quietscher. Eines der Mädchen hatte die Mäuse gesehen und schrie laut los, gefolgt von etlichen anderen. Auf einmal war in der Klasse der Teufel los, eine machte es der anderen nach, sie schrieen, wie es nur Mädchen können und sprangen auf die Pulte, um außer Reichweite der hin und herflitzenden Tiere zu kommen. Es war das totale Chaos im Klassenzimmer, nur wir Buben verfolgten die Sache voller spitzbübischer Freude, allen voran mein Bruder. Unser alter Oberlehrer wusste im ersten Moment nicht so recht, was er machen sollte, doch schon kurze Zeit später hatte er wieder alles im Griff und es kehrte, nachdem einige von uns die Mäuse eingefangen und nach draußen verfrachtet hatten, wieder Ruhe im Klassenzimmer ein. Aber immerhin hatten wir uns eine Auszeit von einer guten halben Stunde erschlichen. Dann wollte Stampfl, so hieß unser Oberlehrer, wissen, wer der Übeltäter war, der ihm diesen Streich gespielt hatte. Natürlich meldete sich niemand, was zu verstehen war, wenn man an die so genannte Apotheke, unseren Naturkunderaum, dachte, in dem er böse Buben zu bestrafen pflegte. Es dauerte aber nicht lange, bis er Fritz und mich als Urheber dieses Streiches ermittelt hatte. An der Strafarbeit, die er uns dafür gab, hatten wir reichlich zu D1knabbern. Außerdem mussten wir auch noch einen Brief von ihm an Mutter mitnehmen, den wir dann, von ihr unterschrieben, wieder bei ihm abzuliefern hatten. Ganz klar, dass es deshalb zu Hause auch noch einige Extras gab. Aber wir, vor allem aber Fritz, waren der Meinung, dass es sich, trotz Bestrafung, doch gelohnt hatte. Für uns war es ein Riesenspaß gewesen, den wir gern noch mal wiederholt hätten, doch die Ereignisse der Zeit, - Kriegsende u.s.w. - gaben uns keine Chance mehr dafür, was wir sehr bedauerten. Ich muss heute noch lachen, wenn ich an dieses Abenteuer denke.

 

Eduard Hahn

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Die Eishockeycracks

 

Meine Heimat zeigte sich wieder mal von ihrer schönsten Seite. Seit ein paar Tagen hatten wir wunderbares Winterwetter, strahlendblauen Himmel mit Sonnenschein und Temperaturen zwischen 5 u.6 Grad Minus, das Ideale für ein zünftiges Hockeyspiel, auf das wir schon seit Wochen sehnsüchtig warteten. Schon im Sommer, als wir Schwarzbeeren und Pilze sammelten, hatten wir Ausschau nach geeigneten Ästen gehalten für die Schläger, die wir für ein zünftiges Spiel im Winter brauchten. Wir hatten Glück und jetzt lagen in unserem Schuppen einige besonders schöne Exemplare, die wir schon Anfang Dezember bearbeitet hatten und warteten auf ihren Einsatz. Unsere Schlittschuhe, die berühmt - berüchtigten Absatzreißer, hatten wir schon überprüft und hergerichtet. Nun war der Schulteich endlich zugefroren. Mein Bruder Fritz und ich hatten die Festigkeit der Eisfläche geprüft und nur vereinzelt einige Stellen gefunden, die noch nicht so dick gefroren waren. So stand also einem spannenden Kampf nichts mehr im Weg. In der Schule hatten wir uns für den Nachmittag mit unseren Freunden am Teich verabredet und warteten nun voller Ungeduld auf ihr Erscheinen. Wir fingen schon mal an, den Schnee wegzuräumen, denn ohne saubere Eisfläche lief nichts und wir schwitzten schon ganz schön, als endlich die ersten Mitspieler eintrudelten.

 

Mit vereinten Kräften hatten wir es aber bald geschafft, den halben Meter Schnee, der auf dem Eis lag, an den Rand des Teiches zu schaffen. Jetzt ging es an die Mannschaftsaufstellung, was gar nicht so leicht war. Fritz fing an, zwei Mannschaften zu bilden, was ihm, da wir, mit Verstärkung aus dem Dorf, reichlich Leute waren, auch ganz gut gelang. Natürlich hatte er, so schlau wie er war, für unsere Mannschaft nur die ausgesucht. denen eine Beule, eine blutige Nase oder ein Riss in der Hose nicht viel ausmachte. In dieser Beziehung waren wir alle sowieso nicht besonders zimperlich. Einen Schiedsrichter brauchten wir nicht, denn Regeln waren uns unbekannt. Fritz hatte einen schönen, flachen Kieselstein mitgebracht, der nun auf das Spielfeld geworfen wurde. Und dann ging es los. Wie die Verrückten sausten wir über die Eisfläche, schlugen Haken, warfen uns auch schon mal vor einen Spieler und versuchten, ihm den Stein abzunehmen oder ihn wenigstens so zu behindern, so dass er nicht zum Schuss kam. Nach kurzer Zeit schwitzten wir alle und so flogen nacheinander Mützen und Jacken ans Ufer.
Mir wäre es lieber gewesen, wenn Fritz im Tor gestanden hätte, aber nein, er musste natürlich, wie es so oft der Fall war, mit seinem Dickkopf durch die Wand. Das heißt, er sauste wie ein Rammbock übers Eis, rempelte öfters seine Gegner um und ging so zu manchem Angriff über. In der gegnerischen Mannschaft gab es nur einen, der keine Angst vor ihm hatte. Auf den hatte es mein Bruder abgesehen und ihn attackierte er besonders oft. Beide rempelten sich gegenseitig um und verpassten sich mit ihren Stöcken einige schöne blaue Flecken und Beulen, die sie dann stolz am anderen Tag in der Schule den Mädchen zeigen konnten. Plötzlich schrie einer der Spieler laut " Halt ". Was war passiert? Sein Absatz war abgerissen und sein Schlittschuh wurde nur noch von den vorderen Riemen gehalten. Wir versuchten, den Schaden zu beheben, was uns auch einigerrmaßen gelang. Doch auf Dauer würde unser Flickwerk nicht halten - und so war es auch. Nach einer letzten Runde gab der Absatzlose auf und setzte sich an den Rand des Teiches, während wir anderen unser Spiel fortsetzten. Doch so richtig Spaß machte das Spiel unseren Gegnern nicht mehr, weil ihnen ein Mann fehlte und unsere Mannschaft deshalb stark in Führung lag. Wir wollten das Spiel schon beenden, als die Rettung in Gestalt eines unserer Schulfreunde eintraf, der, um das Spiel zu retten, von Fritz verurteilt wurde, beim Gegner mitzuspielen. Nach etlichen Runden trennten wir uns unentschieden, was meinem Bruder gar nicht gefiel. Also inszenierte er eine schöne Prügelei, bei der dann nach und nach fast alle mitmachten. Am Ergebnis änderte sich dadurch nichts, aber wir hatten uns wieder mal richtig ausgetobt, - vor allem Fritz. Nachdem wir unsere blauen Flecken und Beulen begutachtet hatten, - er hatte sich ein wunderbares blaues Auge eingehandelt und blutete aus der Nase - wollten wir uns in aller Freundschaft trennen und auf den Heimweg machen, doch für den Moment wurde nichts daraus. Vom anderen Ende des Teiches hörten wir nämlich einen lauten Schrei.
Wir guckten und guckten, doch wir konnten niemand sehen. Wo war denn der Schreihals ? Schließlich entdeckten wir ihn doch, das heißt, seinen Kopf sahen wir, alles andere war im Wasser verschwunden. Der dumme Kerl hatte sich die dünnste Eisstelle kurz vorm Ufer ausgesucht und war prompt eingebrochen. Natürlich flitzten wir alle zu ihm, mein Bruder als Erster vorneweg. Und nun zeigte es sich, warum er meistens als Anführer gewählt wurde. Ohne zu zögern, warf er sich längelang aufs Eis, schob sich langsam an unseren Freund heran und versuchte, ihn auf die festere Eisdecke zu ziehen. Einige von uns rissen Latten von dem Zaun, der den Teich umgab und brachten sie Fritz, der versuchte, sie über das Loch zu legen. Doch erst, nachdem auch er im Wasser gelandet war, weil die Bruchstelle immer größer wurde, gelang es ihm, den armen Kerl aus dem Wasser herauszuziehen. Wir waren alle heilfroh, dass es gut abgelaufen war, denn fast jedes Jahr gab es Ertrunkene und so was hätte uns grad noch gefehlt. Keuchend vor Anstrengung und zitternd vor Kälte, standen die Beiden nun vor uns, während ihnen das Wasser am Körper herab lief. Ich schlug vor, dass wir uns schnellstens auf den Heimweg machen sollten, denn immerhin hatten wir ja Minusgrade, doch davon wollte unser Freund nichts wissen. "Wenn ich in diesem Zustand nach Hause komme, bekomme ich eine gehörige Tracht Prügel und bestimmt eine Woche Hausarrest und dann wird es wohl nichts mit einem neuen Spiel. " Das verstanden wir natürlich. Also beschlossen wir, die Gutmütigkeit unserer Mutter auszunutzen und ihn mit zu uns nach Hause zu nehmen, wo er seine Klamotten trocknen und sich aufwärmen konnte. Mutters Freude kann man sich ja vorstellen, als sie uns traurige Gestalten vor sich sah. Doch dann, nachdem sie Fritz und mir ein paar saftige Watschen verpasst hatte, siegte ihr Mitgefühl für die beiden Trauergestalten. Schnell holte sie eine Decke, wickelte erst den einen, dann den anderen fest darin ein und setzte sie an den Kachelofen.
Dann machte sie für uns Drei Hagebuttentee, damit wir auch von innen warm wurden. Nachdem die Beiden wieder etwas warm geworden waren, schickte sie Mutter ins Schlafzimmer, um die nassen Klamotten auszuziehen, die am Kachelofen aufgehängt wurden. Es dauerte nicht lange, dann konnte sich der Unglücksrabe, nachdem er sich verlegen bei Mutter bedankt hatte, auf den Heimweg machen. In seinen Schuhen quietschte und quatschte zwar noch das Wasser, doch er meinte, das wäre schon in Ordnung, bis nach Hause würde er es schon schaffen.
So ging ein Nachmittag, der so schön begonnen hatte, etwas traurig zu Ende.

Trotzdem machten Fritz und ich am nächsten Tag schon wieder Pläne für ein neues Spiel, denn was konnte es Schöneres geben als übers Eis zu flitzen und sich als Hockeycrack zu fühlen.

 

Eduard Hahn

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Beim klöppeln zugeschaut

 

Flinke Finger musste man schon haben beim Klöppeln, das war nötig. Wenn ich meiner Großmutter dabei zuschaute, wunderte ich mich immer, wie sie das mit ihren von der Gicht verkrümmten Fingern  schaffte.
Lustig sah das aus, wie die Holzspulen mit dem darauf gewickelten Garn durch die Luft sausten und dabei dieses mir gut bekannte hölzerne Klappern verursachten. Jeder konnte erkennen,   
welches Muster grade auf dem mit Nadeln gespickten Klöppelsack hing, denn das konnte man gut anhand der auf Papier aufgezeichneten Vorlage erkennen.
Es war sehr interessant, zu sehen, wie ein schönes Wäschestück langsam Formen annahm.  Wenn dann die runde, ovale ,vier o.rechteckige Decke fertig war, wurde sie sorgfältig in einer großen, schwarzen Holzkiste verstaut.
Warum diese Kästen schwarz waren, konnte ich nie herausfinden.

Am Bahnhof standen dann die sogenannten Spitzenhändler, überwiegend Frauen,
mit diesen Kisten auf dem Rücken und warteten auf den Zug, der sie in die Städte brachte, in denen sie ihre Produkte verkaufen wollten. In die Städte nicht nur im deutschen Sprachraum,
sondern auch in der Tschechei, Ungarn u.s.w. Erzgebirgische Klöppelspitzen waren im ganzen Land bekannt und wegen ihrer dauerhaften Qualität, Güte und Robustheit bei den Hausfrauen beliebt.
Es war bestimmt mühsam, den ganzen Tag mit diesen großen  Kisten auf dem Buckel herumzulaufen und den Hausfrauen die Ware anzubieten.
Wenn ich mit dem Zug zur Schule nach Komotau fahren musste, konnte ich die Spitzenhändler oft auf dem Bahnhof sehen und manchmal, so im Stillen, beneidete ich sie um ihre Reisen.  


Eduard F. Hahn  

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Mein Bruder und die Jauchedusche

 

Jedes Jahr, bevor der Winter mit Frost und Schnee kam, machten die Bauern im Dorf ihre Jauchegruben leer. Mit grossen Handpumpen, die, mit hochgereckten Schwengeln, auf jedem Bauernhof und an jeder Jauchgrube standen, füllten sie schwitzend , - denn das war keine leichte Arbeit, - ihre grossen Jauchefässer, die dann auf die Felder gefahren wurden, um diese zu düngen. Das war nötig, denn der Boden im Gebirge war mager und nicht sehr ertragreich. In dieser Zeit konnte man überall im Ort, aber auch in der weiteren Umgebung den kräftigen Geruch, den die gute Kuhpisse, denn daraus bestand die Brühe, erschnuppern. Nicht gerade das Nonplusultra für Stadtbewohner, die ab und zu auf Besuch bei uns waren, doch die Leute bei uns im Dorf fanden die ganze Sache gar nicht so unangenehm. Auf jeden Fall konnten wir damit leben.

Na ja, manchmal schimpften wir schon, wenn wir grad beim Essen sassen und so eine Duftwolke ins Haus geweht kam. Nun kommt mein Bruder Fritz ins Spiel: Wie schon gesagt, war er nie um einen Streich verlegen. Und so fiel ihm auch diesmal wieder etwas ein, womit er die Dorfbewohner erfreuen konnte. Einige Höfe unter uns hatte ein Bauer sein Jauchefass gefüllt, seine zwei Kühe eingespannt und fuhr nun los, die kostbare Fracht auf sein Feld zu bringen. Fritz hatte sich von irgendwoher ein langes Seil besorgt, das er dringend für seine Zwecke brauchte. Kaum hatte der Bauer seinen Hof verlassen, war er schon hinter dem Wagen und befestigte das Seil am Ausflussventil, um es per Fernbedienung zu öffnen. Doch das klappte nicht so, wie er sich das gedacht hatte.
" Wenn es so nicht funktioniert, muss ich´s eben anders machen" meinte er, rannte hinter dem Wagen her, entfernte das Seil und kletterte auf das Fass. Was dann geschah, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Unsere Strasse führte dorfauswärts ziemlich steil nach oben und deshalb gab es am Fassende ziemlich viel Druck.
Als Fritz den Hahn geöffnet hatte, fiel er, weil der Weg ziemlich steinig war, das Fuhrwerk deshalb viel holperte und er sich nur mit einer Hand festhalten konnte, vom Wagen und unter die Fontäne, die aus dem Fass herausschoss. Nun lag er auf der Strasse, genau unter der braunen, stinkenden Brühe. Selten hab ich ihn so fluchen gehört, während ich mir, so schadenfroh, wie ich war, den Bauch vor Lachen hielt. Endlich bekam er mal was ab, was ich ihm schon lange gegönnt hatte.
Doch lange dauerte mein Lachen nicht, denn mein liebes Brüderchen war so wütend, dass er sich auf mich stürzen wollte, so dass ich schnellstens Reißaus nahm. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht mehr, bestimmt hatte er sich irgendwo verkrochen.
Jeder kann sich vorstellen, was unsere Mutter für ein Gesicht machte, als der Stinkstiefel abends nach Hause geschlichen kam. Etliche Eimer Wasser sorgten erst mal für die Grundreinigung seines Corpus und der Klamotten, bis ihn Mutter in die Badewanne steckte und er sich von Kopf bis Fuß gründlich mit Schmierseife waschen musste. Trotzdem wich der Gestank nicht so schnell von ihm.
Übrigens, Gestank: Bis der Bauer auf seinem Feld ankam, war sein Fass leer und die gute Brühe hatte sich auf der Strasse verteilt, von wo sich nun der kräftige Geruch durch den ganzen Ort verteilte. Dass uns die Dorfbewohner dafür dankbar waren ist doch klar, oder?
Der Bauer hatte sich schon gewundert, dass seine Kühe den Wagen so unbeschwert den Berg hinaufgezogen hatten. Doch nachdem er festgestellt hatte, dass er ein leeres Fass fuhr, wusste er Bescheid.
Noch lange wurde im Dorf, vor allem aber in der Schule, über meines Bruders Jauchedusche geredet.

Aber das kennt ja jeder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

 

E. Hahn

 

Fritz in der Grube

 

Juli 1939. Es war ein schöner, warmer Sommertag. Mein Bruder Fritz und ich hatten von Mutter, - weil wir wieder mal etwas ausgefressen hatten, - Hausarrest bekommen und spielten deshalb auf dem Dachboden des Bauernhauses, in das unsere Familie vor kurzem umgezogen war. Wir hatten im ersten Stock die grosse Tür, durch die früher das Heu auf den Boden geschafft worden war, weit offen, damit wir Licht auf unserem Spielplatz hatten. Mein Bruder hatte am Bach, der nicht weit von unserem Haus entfernt von Reischdorf nach Pressnitz floss ,einen Frosch gefangen und nun musste das Viech ganz dringend untersucht werden. Plötzlich machte der Stinker einen Satz und stürzte sich todesmutig durch die Bodentür in die Tiefe. Wir zwei waren natürlich sehr erschrocken, denn mit so was hatten wir nicht gerechnet. Ein Kamikazefrosch - das hatten wir noch nicht erlebt. Währenddessen hatte unten im Hof eine Tragödie begonnen. Die Hühner, die da unten herumstolzierten und nach Futter suchten, waren über das feine Fressen, das aus der Luft zu ihnen kam, sehr erfreut, stürzten sich voller Eifer auf den armen Frosch und attakierten ihn mit ihren Schnäbeln. Da hatten sie allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht.


Mein Bruder, der von oben ansehen musste, wie die Hühner auf dem armen Quaker herumpickten, machte es dem Frosch nach - mit einem Sprung war er draußen und landete im nächsten Moment unten im Hof bei Frosch und Hühnern. Mit lautem Gegacker und wildem Flügelschlagen waren innerhalb von Sekunden sämtliche Hühner verschwunden - und mit ihnen Fritz.
Ich guckte und guckte, konnte ihn aber nicht entdecken. Dann kam des Rätsels Lösung:
Jedes Haus in unserem Ort hatte seine eigene Abwassergrube, in der Spülwasser, Wasser vom Wäschewaschen und die Abwässer von der Toilette gesammelt und die dann turnusmäßig geleert wurde.
Als Fritz in den Hof gesprungen war, landete er auf den Brettern, die unsere Grube abdeckten.
Leider waren diese in einem sehr desolaten Zustand und brachen deshalb unter seinem Gewicht, sodass er nun in der Sch. stand. Deshalb, und weil nur noch sein Kopf aus der Grube herausschaute, hatte ich ihn nicht gleich gesehen. Ich war schon sehr froh, dass er überhaupt noch da war und anscheinend auch noch ohne Knochenbrüche. Als er endlich aus dem stinkenden Loch herausgekrabbelt war, hielt er triumphierend eine Hand in die Höhe : Er hatte den Frosch gerettet und damit den Hühnern ihr Frühstück vermasselt.

Aber der Gestank !!
 Mutter steckte ihn mehrere Male in die Badewanne und schrubbte ihn mit Kernseife ab, aber der kräftige Geruch hielt sich hartnäckig. Einige Tage hielt er sich überwiegend im Freien auf, was uns allen nur recht war. Kurze Zeit wurde er in der Schule von seinen Klassenkameraden ganz schön gehänselt und verspottet, aber irgendwann wurde er in deren Gesprächen zum Helden, der einem armen, kleinen Frosch das Leben gerettet hatte. Und in diesem Heldentum sonnte er sich auch reichlich.
Dies war nur ein Abenteuer von vielen, die Fritz und ich erlebten und etwas, worüber ich heute noch schmunzeln kann. Als ich mit meinen Eltern und meiner Frau viele Jahre später meine Heimatstadt besuchte, gingen wir auch den Weg entlang, von dem man die Rückseite des Hauses sah, wo dieser Sprung stattgefunden hatte.
Mutter fragte mich, ob ich mich noch daran erinnern könne und dann lachten wir von ganzem Herzen über diese Episode, die zum Glück ohne Schaden für meinen Bruder ausgegangen war.

 

E. Hahn

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Hornissenstiche

 

Eines Tages kam mein Bruder ganz aufgeregt von der Schule heim.

 

"Mensch", sagte er zu mir! " ich hab was ganz Tolles entdeckt, du wirst staunen. Nach dem Essen werden wir uns die Sache mal angucken, ich denke mir, das könnte was für uns sein".

 

Natürlich wollte ich von ihm wissen, um was es denn eigentlich ginge. "Ich hab ein Hornissennest entdeckt und ich glaube, dass es ein grosses ist. Das können wir ausräuchern, das wäre doch toll oder nicht? Es liegt direkt neben unserem Schulweg, wir brauchen also gar nicht weit zu laufen". Unser Mittagessen war an diesem Tag nur von kurzer Dauer, so eilig hatten wirs, dorthin zu kommen. Fritz hatte recht, es musste ein grosses Nest sein, denn über dem Eingang und rundherum schwirrten eine ganze Menge der stechfreudigen Viecher. Vorsichtig pirschten wir uns näher an den Bau heran, denn keiner von uns wollte gestochen werden."Also, wie gehen wirs an" fragte mich Fritz. "Ich denke, wir werden ein Feuerchen machen, um die Viecher aus ihrem Bau zu treiben. Ich fang schon mal an, Feuerholz zu sammeln, während du den Bau nach einem zweiten Ausgang absuchst, es könnte ja sein, dass sie sich einen Notausgang angelegt haben"? Nachdem ich genügend trockenes Holz, ein paar alte Zeitungsfetzen und trockenes Gras zusammengetragen hatte, schoben wir mit langen Ästen den ganzen Kram vorsichtig auf den Bau. Schon jetzt wurden die Viecher nervös und schwirrten über ihrem Bau herum wie eine Kompanie Hubschrauber. Fritz hatte einen ziemlich langen Ast gefunden, um den er Zeitungspapier wickelte und dieses anzündete. Dann näherte er sich vorsichtig dem Bau und legte den Stock mit dem brennenden Papier auf das aufgeschichtete Holz, das auch gleich zu brennen anfing.

Oho, jetzt ging aber die Post ab. Mit wütendem, lautem Summen kam ein ganzer Schwarm aus dem Bau und ging auf uns los. Natürlich verbrannte ein grosser Teil von ihnen, aber der andere Teil hatte es auf uns abgesehen. Wir schlugen wie verrückt um uns und rannten so schnell wir konnten davon, nur weg von diesem verdammten Nest. Auch in grösserer Entfernung summten noch ein paar einzelne von ihnen um uns herum, aber nach einem neuerlichen Spurt hatten wir sie endlich abgeschüttelt und liessen uns, fix und fertig, auf dem Rasen nieder.

Jetzt erst spürte ich den brennenden Schmerz in meinem Bein. Hatte mich doch tatsächlich so ein Mistvieh erwischt und vor lauter Rennen hatte ich das gar nicht mitbekommen. Erst jetzt stellte sich der Schmerz ein. Gleichzeitig merkte ich, wie mein Bein anschwoll.

Auch Fritz hatte einen Stich abbekommen, allerdings wars bei ihm schlimmer, weil er in die Wange gestochen worden war. Schon jetzt war sein Gesicht ziemlich dick geschwollen und würde es wohl auch noch mehr werden. Was würde Mutter sagen? Uns ging schon jetzt die Muffe. Niedergeschlagen machten wir uns auf den Heimweg. Doch zu Hause kam alles ganz anders als wir gedacht und befürchtet hatten. Als Mutter ihre ramponierte Krieger sah, musste sie wohl Mitleid mit uns bekommen haben, denn statt der erwarteten Abreibung lachte sie uns nur aus und meinte: "Das geschieht euch ganz recht, warum müsst ihr auch die armen Tiere ärgern und stören. Und wenn ihr schon so was machen wollt, dann hättet ihr eben vorsichtiger sein müssen".

 

Da hatte sie allerdings recht, wir hätten besser aufpassen müssen. Eins versprachen wir uns gegenseitig, beim nächsten Mal würden wir noch besser aufpassen und noch vorsichtiger sein. Denn dass dies unser letzter Bau gewesen sein sollte, den wir zerstören wollten, glaubten wir nicht. Dafür hassten wir Hornissen viel zu sehr und nicht nur wir, auch andere Leute taten das.

Am nächsten Tag hatten unsere Schulfreunde einen guten Grund zum Lachen, denn Fritzens Gesicht war angeschwollen wie ein Kürbis und man konnte kaum noch die Augen sehn.

Dass seine Schulfreunde ihn auslachten, passte ihm gar nicht und so fing er auch gleich eine Rauferei an unter dem Motto: Ich hab sowieso ein geschwollenes Gesicht, also können mir ein paar Treffer auch nicht mehr viel schaden. Nachdem unser Lehrer die Kontrahenten wieder zur Ruhe gebracht hatte, ging der Unterricht dann doch ziemlich ruhig zu Ende. Auf dem Nachhauseweg schauten wir natürlich bei unserem Bau vorbei, um zu sehn, was sich dort getan hatte.

 

Plötzlich packte Fritz mich am Arm :

"Guck mal, da kommen doch noch welche raus". Tatsächlich, aus einem Loch in einiger Entfernung vom eigentlichen Bau kamen immer wieder mal einige der Tiere heraus. Jetzt wussten wir auch, warum uns sie uns so schnell eingekreist hatten. Voller Wut sammelte Fritz einige grosse Steine und bombardierte damit den Bau und auch den zweiten Ausgang. Natürlich schloss ich mich ihm an, denn mein Bein tat noch ganz schön weh und ich hatte deshalb Wut im Bauch. Die Bombardierung war das Ende des Baues. Fritz war der Ansicht, wir sollten uns lieber wieder auf Ziesel u. Wieseljagd begeben, denn das wäre doch ungefährlicher. Ausserdem könnten wir uns dabei auch noch ein par Mark Taschengeld verdienen. Die Felle der kleinen Nager waren nämlich begehrt und wurden dementsprechend bezahlt.

 

Also schlossen wir das Kapitel Hornissen ab und freuten uns auf ein neues Abenteuer.

 

Eduard Hahn

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Eine Bobfahrt

 

Eine Woche lang hatte es geschneit, nun lagen ca. 60-70 cm wunderbarer, pulveriger Neuschnee , eigentlich ideal zum Schifahren. Doch Fritz und ich sowie unsere Schulfreunde hatten was anderes im Sinn.
Wir warteten voll Sehnsucht darauf, dass der von etlichen starken Pferden gezogene Schneepflug endlich die Strasse räumte, denn wir wollten gerne mit unseren Schlitten die Dorfstrasse hinabsausen.
Zu diesem Zweck wurden mehrere Schlitten mit ihren Zugleinen verbunden, so dass sie eine schöne, lange Schlange bildeten. Endlich hatte der Schneepflug die Strasse geräumt und die letzten fünf, zehn cm über dem Splitt schön fest und glatt gemacht. Fritz war unterwegs, unsere Schulfreunde zu alarmieren.

Doch zwei kamen ihm schon zwei auf halbem Weg entgegenkamen. Die hatten dieselbe Idee wie wir und deshalb noch weitere zwei Freunde von unseren Absichten in Kenntnis gesetzt.Nun standen sechs o. sieben Schlitten mit je zwei Mann Besatzung pro Schlitten unter der Brücke am Wächterhaus bereit zur Abfahrt.Nachdem wir sie zusammengehängt hatten, mussten wir erst mal den Steuermann auswählen. Das war der wichtigste Mann im Team. Auf ihn kam es an, wo unsere Schlitten mit uns landeten oder wen oder was wir rammten o.überfuhren. Natürlich drängte sich, wie immer, einer ganz besonders vor : Mein Bruder, der sich kein Abenteuer entgehen liess und der immer versuchte, als Erster an der Spitze zu stehen, was ihm auch sehr oft gelang. Nach einigem Hin und Her wurde er für die erste Fahrt angenommen und nahm auf dem zweiten Schlitten Platz.
Damit er gut sehen und dementsprechend lenken konnte, musste der Mann auf dem ersten Schlitten sich hinlegen.
Mein Bruder gab das Kommando zur Abfahrt und los gings. Einige von uns rannten nebenher und schoben uns an, damit wir erst mal in Fahrt kamen. Am Anfang hatten wir noch nicht sehr viel Tempo drauf, doch dann wurden wir immer schneller. Jetzt kam es auf das Geschick des Lenkers an, damit wir nicht aus der Spur kamen und irgendwo in einem Graben oder an einer Hausmauer landeten. Denn durch die Länge, die unser Konvoi erreicht hatte, schlugen die letzten Schlitten bei jeder Lenkkorrektur wie der Schwanz einer Schlange nach links und rechts aus und er musste sehr aufpassen, dass er nicht eines der Hühner, die unseren Weg kreuzten, zu Matsch fuhr. Ich fragte mich, wie die Fahrt wohl enden würde, denn wieder einmal hatte mein Bruder seine eigene Idee : Ohne zu zögern, riss er den Lenkschlitten herum, machte einen ziemlich scharfen Bogen - ich dachte noch, was hat er denn jetzt vor - und schon bretterten wir über den Hof des Schielbauern.
Eine Ziege, die grad über den Hof marschieren wollte, machte vor Schreck einen Luftsprung über uns hinweg und verschwand blitzschnell wieder im Stall. Durch den scharfen Bogen, den Fritz gesteuert hatte, sah die Reihe unserer Schlitten jetzt wie eine sich windende Schlange aus. Ausserdem fehlte vom letzten Schlitten das Personal, - das hatte es einfach herabgeschleudert. Viel passiert war unseren Freunden nicht, zum Glück waren sie in den hohen Schneewällen, die der Schneepflug zurückgelassen hatte, nach einem kurzen Flug unbeschadet gelandet. Aber das bekamen wir erst später mit, denn trotz des kleinen Malheurs fuhren wir weiter und sausten die Dorfstrasse hinunter. Beinah hätten wir noch einen Mann umgenietet, der grad die Strasse überqueren wollte und sich nur durch einen Sprung vor unserem Schnellzug in Sicherheit bringen konnte.
Sein Schimpfen hörten wir schon nicht mehr, so schnell waren wir vorbei. Weiter gings, die Dorfstrasse hinab, vorbei an der oberen Schule, wo uns der Schuldiener mit offenem Mund nachstarrte, immer abwärts in Richtung Pressnitz. Mittlerweile hatten wir so ein Tempo erreicht, dass es Fritz immer schwerer fiel, zu lenken.
Und so kam es, wie es kommen musste: Am unteren Schulteich verlor er die Kontrolle über seinen Konvoi, wir durchbrachen den Zaun und sausten auf den zugefrorenen Teich. Der Fahrer auf dem ersten Schlitten war ohne nennenswerte Verletzungen durchgekommen, abgesehen von ein paar blauen Flecken, aber Fritz hatte es erwischt. Er blutete im Gesicht und als er sich aufgerappelt hatte, sahen wir, dass er hinkte.
Ausserdem war sein Jackenärmel zerfetzt und in seiner Hose klaffte ein schöner, langer Riss. Wir anderen waren mit kleinen Schäden davongekommen und lösten nun die Leinen, mit denen unsere Schlitten verbunden waren, damit wir sie aus dem Durcheinander, das entstanden war, rausholen konnten.
Von der Einfriedung des Teiches waren ein paar Bretter zu Bruch gegangen, die wir einsammelten und so gut es ging, wieder an Ort und Stelle brachten, dann verschwanden wir so schnell wir konnten vom Ort unserer Übeltat und machten uns auf den Rückweg. Wie sich herausstellte, war Fritz nicht viel passiert, er hatte nur eine Menge blaue Flecken und einige blutende Schmarren im Gesicht. Nur die kaputten Klamotten machten ihm einige Sorgen. Das würde wieder ein Theater mit Mutter werden, davor hatte er jetzt schon Schiss.
Doch obwohl er immer noch leicht hinkte und auch die Schmarren im Gesicht noch gelegentlich bluteten, liess er nicht locker und überredete uns, noch mal eine Fahrt zu machen, allerdings jetzt mit einem anderen Lenker.

Diese Fahrt war schöner als die erste, weil jetzt auch noch ein richtiger Bob - mit Lenkrad,- gesteuert vom Sohn des wohlhabenden Gemüsehändlers Schiller, an unserer Fahrt teilnahm. Dieses Mal endete die Fahrt ohne Schäden an Leib und Material und so trennten wir uns nach diesem Abenteuer zufrieden voneinander, mit dem Versprechen, irgendwann in den nächsten Tagen wieder so eine schöne Fahrt zu machen. Auch diesmal, wie schon öfter, hatte mein Bruder seinen Kopf durchgesetzt und gezeigt, wer von uns der Anführer war und es wahrscheinlich die nächste Zeit auch bleiben würde.
Zu unserer Freude bekamen wir in diesem Winter noch mehrmals Gelegenheit zu einigen tollen Fahrten, die sich manchmal bis in den späten Abend hinzogen, so dass wir am ersten Schlitten eine Fackel, die fürchterlichen Qualm machte, befestigten, damit uns jeder, der auf der Strasse war, sehen konnte.
Und wenn ich mir die zwei, drei anderen Gespanne, die an diesem Spass teilnahmen, ansah, konnte ich mir vorstellen, wie schön unsere Fuhre aussah.

So schöne Wintertage und Abende habe ich leider nicht mehr oft erlebt. Schade darum.

 

Eduard Hahn

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Beim Bäcker

Heute musst du wieder mal zum Rimplbäck, ein Brot holen. Unseres reicht grad mal noch für morgen früh“, meinte Mutter zu mir.
O ja, das tat ich gerne, denn in der Backstube bei unserem Bäcker fühlte ich mich wohl. Dieser warme, von tollen Gerüchen durchzogene Raum war mein Ding.
Wenn der Bäcker gut gelaunt war, durfte ich ihm bei seiner Arbeit zusehn, allerdings mit der Auflage, „das Maul zu halten“, wie er sich ausdrückte.
Und so schaute ich zu, wenn er mit seinen starken Armen den Teig aus der Backmulde holte und auf den Arbeitstisch klatschte, um daraus gleichmäßige Klumpen zu formen.
Aus diesen Klumpen wurden dann unter seinen geschickten Händen schöne Brotlaibe, Brezeln oder Semmeln. Zu allererst stäubte er die Arbeitsplatte gleichmäßig mit Mehl ein, damit der Teig nicht darauf hängenblieb.
Dann begann der Kraftakt des Knetens. Nach einer Weile begann er zu schwitzen und musste sich öfters den Schweiß mit einem großen, blauweißen Tuch vom Gesicht wischen.
Ab und zu fiel auch mal ein Tropfen auf den Teig, was ihn aber nicht weiter zu stören schien. Mich auch nicht, denn ich dachte mir, daß dieses Tröpfchen im Backkofen schon verschwinden würde.
Endlich war er mit dem Kneten fertig und nun ging es ans Formen der Brotlaibe. Also, in der Beziehung hatte er was los, denn in ganz kurzer Zeit lagen etliche von ihnen auf seinem Tisch.
Den Backofen hatte er schon ganz früh angeheizt und nun dauerte es nicht mehr lange, bis er mit einer Holzpritsche, auf die er die fertigen Laibe gelegt hatte, diese hineinschob. So, Ofenklappe zu, Riegel vorgeschoben, das wars gewesen.
 Jetzt verließen wir beide die Backstube und gingen in den Verkaufsraum, der sich im vorderen Teil seines Hauses befand. Dort erwartete mich schon die Bäckersfrau mit einem frischgebackenen Brot. Nachdem ich bezahlt hatte, kam das, was ich sehnsüchtig erwartet hatte:
Der Bäcker selbst schob mir eine schöne, braune Semmel zu und meinte, bei einem solchen Kunden wie ich es sei, wäre das doch angebracht.
Das mit dem „solchen Kunden“ verstand ich zwar nicht, aber über die Semmel freute ich mich sehr, denn nicht immer hatte der Rimplbäck so gute Laune wie heute.
Bis ich zu Hause ankam, hatte ich selbstverständlich das Prachtstück schon verdrückt, was mir Mutter wohl auch ansehn mochte, denn sie schaute mich so komisch an, schmunzelte aber dabei.
Damit dürfte wohl klar sein, dass ich nicht nur wegen der schönen warmen Backstube so gern zum Bäcker ging.     

 

Eduard F. Hahn

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Biegeis

 

Es war Winter im Erzgebirge geworden. Als ich eines Morgens aus dem Fenster sehen wollte, waren sie zugefroren und wunderschöne Eisblumen bedeckten das Glas. Die Temperatur war bis weit unter Null gefallen. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, Bäume, Sträucher und Hausdächer waren wie mit Puderzucker bestäubt. Wunderschön sah unser Dorf von hier oben aus. Für meinen Bruder Fritz und mich wurde es Zeit, uns auf den Weg zur Schule zu machen. Immerhin waren es bis dorthin 2-3 km, das heißt, wir waren, mit ein paar neugierigen Abstechern nach links und rechts der Straße, mehr als eine halbe Stunde unterwegs. Wegen des kalten Windes, der vom Keilberg herabwehte, hatten wir uns warm angezogen und so marschierten wir bergabwärts zu unserer Schule.
Unsere Ranzen hatten wir, um die Hände frei zu haben, in Rucksäcke gepackt. In der Nacht hatte es zum ersten Mal richtig gefroren und als wir an unserem Ziel ankamen, hatte sich auf dem Schulteich eine Eisschicht gebildet. Einige aus unserer Klasse waren schon über die Absperrung geklettert und untersuchten die Stärke der Eisdecke. " Höchstens ein Zentimeter " meinte einer.

"Na ja, um Biegeis zu machen, ist es noch zu dünn, da müssen wir schon noch etwas warten " war meines Bruders Ansicht. Die Schulglocke beendete alle Diskussionen und Gespräche. Am nächsten Tag konnten wir es kaum erwarten, zum Teich zu kommen. Doch es hatte sich nicht viel geändert. Noch immer war die Stärke des Eises zu gering.
Endlich, zwei oder drei Tage später war die Temperatur noch tiefer gefallen, jetzt musste es doch endlich so weit sein. Mir war klar, dass mein liebes Brüderchen, wie immer, der Star des Tages sein wollte und so kam es dann auch. Als er über die Absperrung kletterte und vorsichtig auf das Eis trat, warteten wir anderen gespannt auf die Meinung des Platzhirsches. Mit den Absätzen schlug er ein paar mal aufs Eis, - es hielt. " Ich denke, heute könnten wirs probieren " erklärte er und kletterte wieder zurück . " Achtung, der Stampfl kommt " hörte ich jemand sagen und schon stand unser alter Oberlehrer hinter uns.
"Na, ihr Lausbuben, was habt ihr denn vor ? Ihr wollt doch wohl nicht aufs Eis?" " Aber Herr Oberlehrer, was denken sie denn von uns " ließ sich mein Bruder vernehmen. " Das Eis ist doch noch viel zu dünn und wahrscheinlich würde es brechen und wir im Wasser landen. So wie es aussieht, würde doch jeder, der auf dieses Eis geht, glattwegs einbrechen." " Na gut, wenn ihr das einseht, ist ja alles in Ordnung" meinte der alte Mann und verschwand wieder. Kaum hatte er uns verlassen, stand Fritz auch schon auf dem Eis.
Vorsichtig machte er zwei, drei Schritte und prüfte dabei die Stärke der Eisdecke. Im Moment hielt sie noch. " Na los, jetzt komm schon, du siehst doch, dass es dick genug ist, um uns zu tragen. Und eins steht fest, wenn wir jetzt aufs Eis gehen, waren wir Zwei die ersten, die sich getraut haben.
"Mehr überredet als überzeugt betrat auch ich die Eisfläche. " So, jetzt fang mal schön langsam mit Schaukeln an, es wäre doch gelacht, wenn wir kein Biegeis zu Stande brächten" meinte er. Ganz langsam gingen wir hoch und dann in die Knie und wieder hoch und wieder runter.
Das Eis knirschte verräterisch, doch im Moment hielt es noch. Unsere Schulfreunde johlten, als sie sahen, wie die Eisfläche langsam anfing, sich von einer Seite zur anderen in kleinen Wellen zu bewegen. Es war ein toller Anblick. Eigentlich war es unglaublich, dass man Eis so bewegen konnte, aber wir wussten, dass es möglich war. Schließlich hatten wirs schon im letzten Winter fabriziert. Die Zurufe unserer Freunde wurden immer lauter und feuerten uns an, noch etwas mehr zu wippen. Doch leider ging die Sache nicht mehr lange gut. Es knirschte immer lauter und bevor wir uns in Sicherheit bringen konnten, brach die Eisfläche endgültig und wir standen im Wasser, - standen deshalb, weil unsere Rucksäcke auf dem Eis lagen und uns nicht untergehen ließen. Aber bei jedem Versuch, aus dem Loch herauszukommen, brach es immer wieder ab, so dass wir bald ein großes Loch geschaffen hatten. Damit sah es für uns nicht besonders gut aus. Bestimmt wären wir nicht so schnell aus dem Wasser herausgekommen, wenn nicht einer unserer "Zuschauer" auf die Idee gekommen wäre, ein Brett zu organisieren, das er uns nun übers Eis zuschob.

Mit dessen Hilfe und mit mehr oder weniger Geschick konnten wir jetzt aus dem eiskalten Wasser klettern. Verdammt noch mal, hier draußen war es ja noch kälter als im Teich. Schon fing ich an zu zittern. " Was nun, willst du heim und dir ein Paar Ohrfeigen abholen, oder gehen wir gleich in die Klasse? " fragte mich Fritz. " Ich jedenfalls, ich denk, das ist besser als der weite Heimweg." Ich entschied mich für den Weg nach Hause und marschierte los, um in Bewegung zu bleiben und damit wenigstens teilweise die Kälte zu vertreiben. Je mehr ich mich unserer Wohnung näherte, desto steifer wurden meine Klamotten. Bei jedem Schritt knirschte es und bald konnte ich die Knie nicht mehr richtig bewegen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich bei uns vor der Haustür stand. Jetzt musste ich nur sehn, dass ich frische Klamotten an meinen Corpus delikti bekam. Das war leider leichter gesagt als getan.
Ich hörte Mutter im hinteren Zimmer herumwirtschaften und glaubte schon, unbeobachtet aus dem Schrank im Vorraum ein paar warme Sachen ergattern zu können, doch leider hatte ich schlechte Karten. Mutter hatte alle Wintersachen im Schrank im hinteren Zimmer deponiert, weil es dort wärmer als im Vorraum war. Also keine lange Hose und auch kein warmes Winterhemd, denn im Schrank befanden sich zum jetzigen Zeitpunkt nur Sommersachen. In diesem Moment ging die Tür auf und ich dachte schon, dass Mutter mich ertappt hätte. Zum Glück war es aber Thekla, Mutters Haushaltshilfe. Als sie mich da in meinem Eispanzer stehen sah, grinste sie nur, aber dann legte sie los. Sie griff sich eilends eine Hose, ein Hemd, Socken und Jacke, fand auch noch eine Unterhose und legte mir alles griffbereit. Ich zog mir die nassen Klamotten aus und schlüpfte schnell in die trockenen. Wenn es mir nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht vor der Achtzehnjährigen geschämt, doch im Moment war mir alles egal, auch wenn sie noch so viel grinste. Verdammt, ein paar Schuhe brauchte ich ja auch noch, aber da hatte ich leider Pech. Also zog ich die nassen Treter wieder an, die beim Laufen zwar laut quietschten, mittlerweile aber wenigstens etwas wärmer, wenn auch nicht trocken geworden waren. In Sommerklamotten und nassen Schuhen machte ich mich auf den Weg.
Jetzt merkte ich erst mal, wie kalt der Wind pfiff. Durchgefroren kam ich an der Schule an. Ich rechnete damit, von Stampfl eine gehörige Abreibung zu bekommen, doch die blieb zum Glück aus. Er meinte, ich wäre schon genug bestraft und ließ mich in der Nähe des großen Ofens Patz nehmen, damit ich mich wieder aufwärmen konnte. Mein Bruder hatte seine Abreibung schon bekommen und saß nun etwas geknickt auf seinem Platz, - wahrscheinlich tat ihm der Hintern weh von Stampfls Stock - während sich zu seinen Füßen eine große Pfütze gebildet hatte. Doch Halt, ich sah das Grinsen in seinem Gesicht und wusste, dass er nur schauspielerte.
Als ich die Gesichter meiner Schulfreunde sah, wusste ich auch, warum er so grinste. Er hatte es geschafft, wieder mal der Große Zampano zu sein und genoss es reichlich. Natürlich färbte diese Heldentat auch auf mich ab und so konnten wir kaum das Schulende erwarten. Mit lautem Johlen wurden wir empfangen, als wir auf den Schulhof kamen. Wir waren die ersten gewesen, die es gewagt hatten, aufs Eis zu gehen. Das war schon was. Und dass wir im Wasser gelandet waren, gab der Sache erst die richtige Würze. Der Heimweg fiel mir nicht grade leicht, denn ich fror gottserbärmlich. Als ich endlich zu Hause ankam, wartete Mutter schon mit ein paar saftigen Ohrfeigen auf uns. Ich denke mir heute, dass wir die auch verdient hatten. Dann musste Thekla Wasser aufstellen und wir bekamen ein heißes Bad verabreicht. Anschließend steckte uns Mutter mit einer Tasse Kamillentee ins Bett, wo wir reichlich schwitzten.
Dank dieser Vorkehrungen hatte keiner von uns beiden irgendwelchen Schaden durch unser unfreiwilliges Bad genommen und so endete die Geschichte glimpflich für uns. Nur eins war schade: In den nächsten Tagen wurde es immer kälter und das Eis auf dem Teich immer dicker, so dass es leider für eine nochmalige Vorführung nicht mehr geeignet war. In diesem Jahr gab es deshalb leider keine Biegeis-Show mehr. Aber dafür bekamen wir die Chance, unsere Hockeykämpfe auszufechten. Dass die bei uns sehr beliebt waren, lässt sich ja denken. Doch davon ein anderes mal.

 

Eduard Hahn

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Der getupfte Schimmel

 

Immer hatte mein Bruder irgendwelche Streiche im Kopf und wenn das mal nicht der Fall war, dann überlegte er so lange, bis ihm etwas Passendes einfiel. So war das auch mit dem Reitpferd unseres Doktors, einem wunderschönen Schimmelwallach. Dem Doc ging sein Pferd über alles und er hätte wahrscheinlich seine rechte Hand für das Tier geopfert, wenn er ihm in einer Schwierigkeit hätte helfen können. Eines Tages rückte Fritz mit seinem Plan, dem Arzt, den er aus unerklärlichen Gründen nicht mochte, einen Streich zu spielen, heraus und fragte mich, was ich davon hielte, dem Gaul ein anderes Aussehn zu verpassen. "Was hältst du davon, wenn wir ihm ein paar schöne, schwarze Tupfen verpassen? Dann könnte er mit dem Pferd des Bankfilialleiters konkurrieren und wir und noch etliche andere hätten was zu lachen." Ich muss dazu sagen, dass der Filialleiter der Staatsbank eine Apfelstute besass, ein wunderschönes Tier und dass diese Zwei die einzigen Reitpferde in unserem Ort waren, denn nur gutbetuchte Leute konnten sich diesen Luxus leisten. Die Idee meines Bruders war gar nicht so schlecht - also machten wir uns ans Werk.

Bei fast jedem Bauern gab es schwarze Huffarbe, womit den Tieren vor besonderen Anlässen die Hufe gepflegt wurden. Diese Farbe zu besorgen war nicht besonders schwer. Schon in den nächsten Tagen kam Fritz mit einer alten Blechbüchse voller Farbe an, die er - wer weiss wo- organisiert hatte. Jetzt mussten wir nur noch herausfinden, wann und wohin der Doktor sein Pferd auf die Weide brachte.
Das hiess für uns: Wir mussten beobachten, beobachten. Nach einigen Tagen hatten wir den Standplatz gefunden und nun konnten wir uns an die eigentliche Arbeit machen. Schon in aller Frühe waren wir am Tatort und warteten darauf, dass der Doc mit seinem Gaul erschien. Nachdem dies geschehen war und er seinen Liebling angepflockt hatte, machte er sich auf den Rückweg und wir hatten freie Bahn, bzw. freie Hand. Zeit hatten wir genug, denn wir hatten herausgefunden, dass er immer erst nach drei, dreieinhalb Stunden zurückkam, weil er ja Sprechstunde halten musste. Damit der Gaul ruhig blieb, musste ich, - auf Anordnung von Fritz, ja, ja, er war der Chef - seine Lieblingsspeise, saftige Löwenzahnpflanzen, rupfen und ihn damit füttern.
Fritz hatte unterdessen einen trockenen Ast besorgt, von dem er ein Stück abbrach. Mit seinem Taschenmesser schnitzte er das eine Ende schön rund, denn damit wollte er die Tupfen machen. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als er mit Begeisterung schön gemütlich schwarze Punkte auf das weisse Fell des Schimmels stempelte. Mich wundert heute noch, dass er sich damals vor lauter Eifer nicht die Zunge abbiss.
Nach einer Weile wurde mir das Füttern zu langweilig, ich band den Gaul ganz kurz, damit er nicht so viel Bewegungsfreiheit hatte und half Fritz mit, unser Werk zu vollenden. Als wir damit fertig waren, stand ein völlig fremdes Pferd auf der Weide,- ein Schimmel mit schönen, schwarzen Tupfen. Fritz lachte und strahlte übers ganze Gesicht. " Meinst du, der Doc wird sich freuen, wenn er sein neues Pferd sieht? Vielleicht erkennt er es ja gar nicht mehr wieder. Auf jeden Fall sieht es toll aus." Nachdem ich den Gaul wieder richtig angepflockt hatte, packten wir unsere Sachen zusammen und verschwanden vom Tatort. Zu gerne hätten wir das Gesicht des Besitzers nach seiner Rückkehr gesehen, zogen es aber sicherheitshalber vor, zu verschwinden.
Denn - Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Unser Streich hatte grosse Auswirkungen. Der ganze Ort lachte darüber, wie verdattert unser Doc war, als er auf die Wiese zurückkam und seinen Schimmel holen wollte. Natürlich hätte jeder gern gewusst, wer ihm diesen Streich gespielt hatte, doch das kam zum Glück nie heraus.
So weit die Sache mit dem " Schwarzgetupften " bei dem niemand zu Schaden kam, - ausser dem Gaul - und dem waren die Tupfen, so glaube ich, sowieso völlig egal.

Schade, dass die Farbe schon nach einigen Tagen wieder verschwunden war, denn nach Waschen und Striegeln hatte sie sich aufgelöst und nun stand er wieder - in weisser Pracht- auf der Wiese.

 

Eduard Hahn

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Ein Sommernachmittag am Alaunsee

 

Es war ein schöner Sommertag, viel zu schön, um in der Schule zu sitzen. Wir konnten es kaum erwarten, endlich aus dem Klassenzimmer und hinaus ins Freie, in Luft und Sonne zu kommen. Nun rannten wir in den Schulhof, um unsere Räder zu holen. Ich mein schönes, rotes Radl und Fritz Mutters Fahrrad, mit dem er öfters zur Schule fahren durfte. Damals wohnten wir auf dem Bahnhof Tschernowitz und mussten nach Komotau zur Schule fahren, entweder mit dem Zug oder dem Fahrrad. Immerhin waren es bis zur Schule ca. 5-6 km und das wäre zu Fuss doch etwas weit gewesen.

Nun überlegten wir, was wir mit dem angebrochenen Tag anfangen konnten. Denn nach Hause wollten wir bei dem schönen Wetter noch nicht.
"Weißt du, wir könnten eigentlich wieder mal in die Hügel fahren", meinte Fritz. Mit den Hügeln meinte er die hohen Abraumhalden ganz in der Nähe des Sees, die bei der jahrzehntelangen Gewinnung von Alaun entstanden waren. Alaun war damals sehr begehrt wegen seiner blutstillenden Eigenschaften, auch Vater hatte einen Alaunstein, mit dem er sich die beim Rasieren entstandenen Schnitte behandelte.

Doch irgendwann, noch vor unserer Zeit, waren Quellen in der Grube, die im Tagebau ausgebeutet worden war, ausgebrochen und hatten diese unter Wasser gesetzt. So entstand der bei den Komotauern so beliebte Alaunsee, in dem auch wir Zwei später schwimmen lernten. Übrigens gab es in seinem Wasser kein einziges lebendes Tier, weder Fisch noch Frosch oder sonst ein Lebewesen, was man auf den hohen Alaungehalt zurückführte.
Die Förderung von Alaun wurde eingestellt und im Lauf der Jahre waren die Abraumberge mit Sträuchern und Bäumen bewachsen. Diese Halden waren ein beliebtes Ziel für Radfahrer geworden. Fritzens Idee war gar nicht so schlecht, doch ich dachte mir, es wäre besser, wenn wir erst nach Hause fahren, etwas essen, mit Mutter darüber reden und dann unseren Plan ausführen würden. Fritz nannte mich zwar einen Feigling und Schwächling, gab dann aber schliesslich nach. Also fuhren wir nach Hause, wo Mutter, so wie ich es geahnt hatte, schon mit dem Mittagessen wartete. Nach dem Essen dauerte es eine ganze Weile, bis wir sie so weit hatten, dass sie uns fahren liess. Nun sprangen wir auf unsere Räder und ab gings nach Komotau. Natürlich war Fritz vor mir an Ort und Stelle und hatte sogar schon seine erste Fahrt hinter sich.
Im Lauf der Jahre und mit Hilfe von vielen Radfahrern, die sich hier schon vergnügt hatten, waren die Täler zwischen den einzelnen Hügeln wunderschön glatt geworden, es waren richtige Rennbahnen. Die rote Erde sah aus, als ob man sie extra dafür dorthin gebracht hätte.Wenn man eines der vielen Täler hinabsauste und genügend Tempo drauf hatte, kam man, wie auf einer Achterbahn, auf der jenseitigen Höhe wieder oben an. Es war ein tolles Gefühl, diese steilen Hänge hinab und dann wieder nach oben zu sausen. Manchmal hatten wir auch nicht genügend Geschwindigkeit drauf und rollten rückwärts wieder runter. Das tat aber unserem Spass keinen Abbruch. Ich denke mir, viele der heutigen Kirmesbesucher würden uns um unsere damaligen kostenlosen Berg u. Talfahrten beneiden.
Nachdem wir uns eine Weile ausgetobt hatten, machte ich eine Pause, um mal wieder richtig Luft zu holen und meinen Adrenalinspiegel zu senken, denn mir klopfte ganz schön das Herz. Ausserdem war ich vollkommen ausser Atem.
Doch meinem Brüderlein reichte es noch lange nicht, im Gegenteil, er musste noch einen Zahn zulegen. Was heisst, dass er auf dem normalen Anfahrtsweg ein ganzes Stück zurückfuhr, wendete, wie wild in die Pedale trat und dann mit einem wahren Affenzahn in die Tiefe sauste. Natürlich war seine Geschwindigkeit viel zu hoch, deshalb schoss er nach Überwindung der Steilwand über diese hinaus - und dann mit Karacho in die Hecken, die überall auf den Hügeln wuchsen. Bedauerlich war nur, dass es sich überwiegend um Brombeerhecken mit schönen grossen Dornen handelte. Jetzt lag er da drin und fluchte laut. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich mit meiner Hilfe daraus befreit hatte. Aber wie er aussah: Zerkratzt von oben bis unten, blutig an den Händen und im Gesicht, ausserdem hatten auch seine Klamotten darunter gelitten.  Nachdem wir die meisten der Dornen, die in seinem edlen Körper steckten, entfernt hatten, mussten wir das Fahrrad und den Schulranzen , der vom Gepäckträger geflogen war, aus den Hecken rauspulen, was sich als gar nicht so leicht erwies und uns noch einige Schrammen und Risse zusätzlich einbrachte. Dann kam noch ein Schock dazu - das Fahrrad war kaputt. Das Vorderrad sah aus wie eine liegende Acht und der Lenker war auch verbogen. Nun hatten wir die Bescherung. Zu zweit stellten wir uns auf das Rad und versuchten, das Mistding wieder grade zu bekommen. - Doch alles vergeblich. Was sollten wir jetzt tun? Ich machte den Vorschlag, das Rad erst mal zum See zu tragen, dann konnten wir uns überlegen, wie es weitergehen sollte. Fritz schulterte also das Vehikel und wir marschierten zum See. Das heisst, er marschierte und ich fuhr nebenher. Dann wusch er sich an dem Becken, das sich am Eingang des Freibades befand, erst mal das Blut ab.
Der Kassierer in seinem Kassenhäuschen schimpfte, dass das Becken nur zum Trinken da wäre, doch wir achteten gar nicht darauf. Fritzens Gesicht sah aus, als ob er in einen Schwarm Geier geraten wäre, so viele Kratzer und Schmarren hatte er abbekommen. Dann begutachteten wir seine Klamotten. Na, die sahen ja gut aus. An der Hose hatte er einen grossen Winkelriss, ein Hosenbein war der Länge nach aufgerissen und an seinem Hemd flatterten lustig einige Fetzen. Jetzt wurde es uns doch ganz schön mulmig zumute. Was würden unsere Eltern sagen?
Der Kassierer in seinem Kabuff hatte nun doch Mitleid mit uns bekommen und holte Werkzeug, damit wir das Rad ausbauen konnten. Ich lud mir das Unglücksding auf den Gepäckträger und brachte es zu dem Geschäft, wo wir mein Rad gekauft hatten. Der Besitzer lachte, als er mich mit meinem Krempel sah. " Na, dann wolln wir mal sehn, wie wir den Schaden wieder beheben können" meinte er. um Glück gab es damals noch keine Alufelgen, sonst hätte es wahrscheinlich nicht geklappt, was der Meister jetzt tat.
Er stellte sich auf das am Boden liegende Rad, versuchte, es in seinen ursprünglichen Zustand zu bringen und plötzlich, - wie von Zauberhand, sprang die Felge in ihren alten Zustand zurück. " So, meinte der Meister, jetzt müssen wir noch die Speichen nachspannen, dann ist es wieder wie neu". Mir fiel ein grosser Stein vom Herzen.
Aber was würde der Spass kosten? Ich hatte doch gar kein Geld. "
Ach, das kriegen wir schon hin, bei der nächsten Reparatur rechne ich einfach etwas mehr dazu und deine Eltern erfahren gar nichts von eurem Unfall" erklärte mir der gute Mann. Na, da kannte er meinen Vater aber schlecht. Überglücklich bedankte ich mich, packte das Rad auf meinen Träger und fuhr zum See zurück. Nun versuchten wir, verstärkt durch den Kassierer, den Lenker wieder zurechtzubiegen. So einigermassen bekamen wirs auch hin, nur ein kleiner Knick blieb zurück.
Dann machten wir uns auf den Heimweg und hofften, dass unser Unfall unentdeckt bleiben würde, aber natürlich sah Vater, was los war - alleine schon, wie Fritz aussah und am Zustand seiner Klamotten. "Eine Woche Hausarrest für beide," verkündete er " und ausserdem ist das Radfahren für mindestens zwei Wochen gestrichen und du, mein lieber Sohn, bekommst Mutters Rad so schnell nicht wieder in die Finger" meinte er zu Fritz. Wir zwei waren ganz schön geknickt, als er uns, nachdem Mutter unsere Blessuren verpflastert hatte, auch noch in den Schuppen schickte, wo wir zur Strafe Feuerholz hacken mussten.
Dort arbeitete sich Fritz erst mal seine Wut vom Bauch, dass die Holzscheite nur so flogen, doch schon kurze Zeit später war er wieder der Alte und wälzte neue Zukunftspläne.
Oft dachten wir noch an diesen schönen Sommernachmittag und wie blöd er geendet hatte.

 

E.Hahn

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Mein erstes Fahrrad

 

Einer meiner grössten Wünsche als Kind war ein Fahrrad. Das war mein Traum. Nur sehr wenige Jungs im Dorf hatten eins und wurden dementsprechend von uns beneidet. Da wir alle Wege - zur Schule, zum Einkaufen usw. zu Fuss und das oft auch noch über grössere Entfernungen, machen mussten, war ganz klar und nur zu verständlich, dass ein Fahrrad unser Wunschtraum war.
Da aber meine Familie, wie viele andere auch, über keine grösseren Finanzmittel verfügte, würde dieser Traum wahrscheinlich auch für die nächste Zeit eben nur ein Traum bleiben. Aber in Gedanken malte ich mir doch aus, was man mit einem solchen Ding alles machen könnte. Mit ihm zur Schule, zum Kaufmann, mit den Freunden auf Abenteuerfahrt gehen, vielleicht sogar mal in Richtung Komotau oder Kaaden. Ach, der Möglichkeiten gabs so viele, da hätte ich nicht lange überlegen müssen. Und vor allem die Bewunderung, die ich bei meinen Freunden einheimsen könnte, das wär doch toll. Ich gab einfach die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann doch mal klappen könnte. Und im Moment standen die Aussichten gar nicht so schlecht.
Vater hatte nach langer Arbeitslosigkeit eine gute Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn bekommen.

Ich weiss, hätte er es finanziell gekonnt, hätte ich schon lange ein Rad besessen, denn er hatte immer versucht, seinen Kindern das zu geben, was sie gerne wollten, aber es hatte nicht sein sollen. Und dann, ganz heimlich, still und leise, war er plötzlich da.

Der grosse Tag.

Es begann damit, dass Vater eines Abends zu mir sagte : "Ich fahre morgen nach Komotau, ich hab etwas Dringendes zu erledigen und wenn du willst, kannst du mitfahren". Natürlich wollte ich. Ich konnte die Nacht kaum schlafen, so aufgeregt war ich.

Eine Fahrt nach Komotau war schon etwas Besonderes, das gabs nicht alle Tage, deshalb meine Aufregung. Am nächsten Tag beim Frühstück zappelte ich so am Tisch herum, dass Mutter mir eine Kopfnuss gab und mich ermahnte, ruhiger zu werden. Dann gings ab zum Bahnhof. Die Fahrt in die Stadt schien mir endlos. In Komotau angekommen, marschierte Vater ganz zielstrebig los und ich nebenher. Ich kannte die Stadt nur von zwei, drei kurzen Besuchen, war noch nie in diesem Stadtviertel gewesen, in dem wir uns jetzt befanden und fragte mich, was Vater wohl hier zu tun hatte. Doch plötzlich sah ich es: Ein Haus mit einem grossen Schaufenster - und was stand in diesem Schaufenster? Fahrräder In vielen Ausführungen und Farben und die Speichen und Lenker blinkten und blitzten im Sonnenlicht. Ich war ganz aus dem Häuschen. Sollte es wahr sein, dass mein Wunschtraum endlich in Erfüllung ging? Wir betraten das Geschäft, wo uns der Besitzer freundlich begrüsste und mit Vater gleich ein fachliches Gespräch begann. Dann wurden einige der schönen Räder, vor allem wegen der Grösse, begutachtet und natürlich wurde auch über den Preis verhandelt. Vater fragte mich, welche Farbe ich gerne hätte. Selbstverständlich musste es in Rot sein. Kurz und gut, der Händler stellte mir den Sattel auf die richtige Höhe ein und einige Zeit später sass ich auf meinem " Knabenfahrrad ", wie es damals allgemein genannt wurde und drehte einige Ehrenrunden im Hof.
Es war wunderschön und ich wollte gar nicht mehr absteigen. " So, nun reichts aber " meinte Vater, " wir müssen ja noch Verschiedenes einkaufen und das wird auch einige Zeit dauern. " Zum Beispiel muss ich in die Fleischerei Mittelbach " Unter den Lauben ", da will ich etwas Aufschnitt und Schweinefleisch für den Sonntagsbraten holen". Na, das war ja ein toller Tag, dachte ich mir, denn Aufschnitt zum Abendessen, das gabs nicht oft und auf den Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelknödel freute ich mich schon jetzt. Selig schob ich mein Fahrrad neben Vater her, denn in der Stadt erlaubte er mir nicht zu fahren. Bei dem vielen Verkehr sei das zu gefährlich und das bisschen Fahren, das ich auf Mutters altem Rad geübt hatte, würde mir da auch nicht viel helfen. Er erledigte seine Einkäufe, wodurch auch ich die Stadt etwas näher kennenlernte. Ich staunte über die vielen hohen Häuser, vor allem hatten es mir die zwei schönen Kirchen angetan, an denen wir vorbeikamen. Dann landeten wir im Cafe Kugler, wo ein Verwandter von Vater als Pikkolo - angehender Kellner - arbeitete. Dort aßen wir zu Mittag, was mir natürlich einen Riesenspass machte, denn in einem so feinen Lokal war ich noch nie gewesen. Zum Abschluss unseres Tagesausflugs spendierte mir Vater sogar noch ein Eis. Ich hab nie erfahren, warum er an diesem Tag so spendabel gewesen war.

 

Als ich - viele Jahre später - mit meiner Frau Urlaub in der alten Heimat machte, kehrten wir auch im Cafe Kugler ein und aßen dort zu Mittag. Aber es war nicht mehr so wie früher und ich erkannte es fast nicht wieder.

 

Als Vater und ich am Spätnachmittag im Zug sassen, der uns wieder nach Hause brachte, hatte ich einen wunderschönen Tag erlebt und war überglücklich. Ich würde viel zu erzählen haben. Nur eins machte mir etwas Sorgen : Hoffentlich passierte meinem schönen Rad, das Vater in den Gepäckwagen gebracht hatte, nichts. Es würde doch wohl keinen Kratzer abbekommen? Doch Vater beruhigte mich. " Es ist ja gut in Pappkarton eingepackt und mit Klebstreifen verklebt, da kann also nichts passieren."

In Reischdorf angekommen, erlaubte er mir, die verhältnismässig kurze Strecke vom Bahnhof nach Hause zu radeln, während er zu Fuss nachkam. Das Gesicht meines Bruders sehe ich heute noch vor mir, als er meine neueste Errungenschaft sah. Natürlich war er traurig und auch ein bisschen neidisch, weil er leer ausging. Immerhin war er ja nur einundeinhalb Jahre jünger als ich und hatte sich auch so ein Rad gewünscht. Doch ich versprach ihm, dass auch er ab und zu damit fahren dürfe, was Mutter sehr nobel von mir fand. Und obwohl es mir schwerfiel, hielt ich mein Wort. Am nächsten Tag fuhr ich gleich mit meinem besten Stück zur Schule. Meine Freunde begrüssten mich mit grossem Hallo und beglückwünschten mich zu meiner Errungenschaft. Und sofort kamen einige Angebote für eine Runde auf meinem Rad. Von Dackern, - Murmeln, wie sie hier heissen, über ein Taschenmesser mit einer abgebrochenen Klinge, eine Zwiesel - Spatzenschiesser - dem Versprechen, immer abschreiben zu dürfen, bis zum Angebot lebenslanger Freundschaft wurde mir so ziemlich alles offeriert, was es gab.
Am Anfang wehrte ich mich natürlich gegen diese Angebote, aber mit der Zeit konnte ich doch nicht mehr widerstehn. Und so wurde ich durch mein Radl zu einem, wie mir schien, ziemlich wohlhabenden Erzgebirger Bub. Nur einmal machte mir mein geliebtes Rad grossen Kummer und brachte mir auch Schmerzen.


Das war Jahre später, als wir innerhalb von zwei Stunden unser Haus verlassen mussten und mich Mutter zum Bahnhof schickte, um Vater zu benachrichtigen oder zu holen. Zwei tschechische "Soldaten" hatten Mutter erklärt, dass wir ausgewiesen und nach Deutschland transportiert würden.
Auf der Rückfahrt fuhr ich mir einen Plattfuss, weil ich's aber so eilig hatte, und weil mein Rad sowieso zurückbleiben musste, nahm ich keine Rücksicht darauf und radelte weiter. Ein tschechischer Soldat holte mich vom Rad und verprügelte mich nach Strich und Faden. Ich würde tschechisches Staatseigentum beschädigen, begründete er sein Vorgehen. Mir war das mit dem Staatseigentum scheissegal, da ich wusste, dass wir sowieso alles, was irgendwie etwas wertvoll war, zurücklassen mussten.
Zu meinem Glück ging ein Kollege von ihm, der die Sache beobachtete, dazwischen. Sonst wäre es wahrscheinlich nicht so glimpflich abgegangen und ich hätte vielleicht mehr als eine blutige Nase und blaue Augen abbekommen.

Trotzdem wünschte ich dem blöden Arsch die Pest an den Hals.
Das war das einzige Mal, wo mir mein geliebtes Fahrrad keinen Spass gemacht hatte.

Auch heute, nach so vielen Jahrzehnten, macht mir das Radfahren immer noch Spass und ich erledige alle Einkäufe und Besorgungen innerhalb unseres Wohnortes mit meinem Fahrrad, das ich jetzt schon zwanzig Jahre besitze. Und so lange ich das körperlich noch kann, werde ich auch dabei bleiben.

 

Eduard Hahn    

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Der Leierkastenmann und sein entwischtes Äffchen

Auf den Spätsommer freuten wir uns alle uns ganz besonders, denn da fand immer in allen grösseren Orten der traditionelle Jahrmarkt statt. Da es diese Märkte nur einmal im Jahr gab, waren sie natürlich sehr beliebt und dementsprechend gut besucht. Karussell, Schiffschaukel, Kettenflieger, Buden, wo man auf Blechbüchsen werfen konnte, Luftgewehrstände u. s. w, das alles konnte man auf einem solchen Markt finden.
Auch ein Kasperletheater und eine Wahrsagerin gab es. Stände, an denen man Honig, Süssigkeiten, saure Gurken aus Znaim und noch viele andere Sachen kaufen konnte, reihten sich aneinander und bildeten richtige Gassen, durch die wir Kinder, doch auch viele Erwachsene dann
mit grossen Augen und leerem Bauch flanierten und all diese Herrlichkeiten bestaunten.
Natürlich waren auch mein Bruder Fritz und ich inklusive unserer Freunde anwesend. Wir hatten von Mutter etwas Geld bekommen und das musste natürlich jetzt unter die Leute gebracht werden. Grossmutter hatte mir - als ihrem Lieblingsenkel - ein paar Münzen extra zugesteckt, sodass mein Bedarf an Honig und ein par Fahrten auf dem Kettenflieger gesichert waren. Auf dem Markt herrschte ein quirliges Leben und Treiben, die meisten der Besucher waren gekommen, um etwas zu kaufen oder Bekannte zu treffen und sich zu unterhalten. Jetzt hatten sie die beste Gelegenheit dazu.
Doch in diesem Jahr gab es eine besondere Attraktion: 
Aus Komotau war ein Leierkastenmann gekommen und hatte sich auf dem Markt etabliert. Auf einem Untergestell mit gummibereiften Rädern thronte sein ganzer Stolz: Der Leierkasten.
Das war vielleicht ein tolles Ding: wunderschön, mit grossen Schalllöchern für die Töne, die da herauskamen, das Gehäuse war bestimmt von Hand gefertigt, mit sehr schönen bunt bemalten Schnitzereien. Ausserdem hingen noch ein paar Fuchsschwänze sowie etliche Luftballons an dem Kasten. Ein tolles Gerät. Doch der Clou des Ganzen war etwas anderes: 
Ein kleines Tier, das oben auf dem Leierkasten sass: Ein Affe, der nach dem Takt der Musik - mehr oder weniger taktmässig - zwei kleine Messingscheiben bearbeitete. Dabei verzog er sein Gesicht und machte so lustige Grimassen, dass viele Leute stehen blieben und dem Mann ein paar Münzen in seinen Korb warfen, damit sie dem Äffchen eine Weile zugucken konnten. Eine ganze Weile schaute und hörte auch ich dem Musiker und seinem Affen zu, bis es mich wieder zu einer anderen Attraktion, der Schiffschaukel, trieb. Und anschliessend musste ich ja auch noch an meinen heissersehnten Honigstand. - Doch plötzlich erscholl lautes Geschrei auf dem Markt und viele Leute begannen in eine bestimmte Richtung zu laufen. Und in dieser Richtung befand sich, das wusste ich genau, der Leierkastenmann mit seinem Äffchen.
Dann hörte ich einzelne Leute rufen : Der Aff´ ist los und läuft auf dem Markt herum und wer ihn einfängt, bekommt vom Besitzer eine Belohnung. Natürlich waren nun viele Leute, besonders die Kinder, hinter dem Tier her, doch das liess sich nicht so leicht fangen. Es sprang von einer Bude zur anderen, spielte den Besitzern derselben allerhand Streiche und brachte alles in helle Aufregung. Jetzt wäre es mir recht gewesen, wenn mein Bruder Fritz in der Nähe gewesen wäre, denn mit seiner Hilfe wäre es uns vielleicht gelungen, den Ausreisser einzufangen und die Belohnung zu kassieren. Doch im Moment war von ihm nichts zu sehen, also machte ich mich auf die Suche nach ihm. Endlich entdeckte ich ihn in der Gruppe der Verfolger, die am lautesten schrie.
Als er mich sah, kam er zu mir gerannt und lachte :" Hab ich das nicht gut gemacht, guck doch mal, was jetzt für eine Stimmung unter den Leuten herrscht, fast jeder ist auf der Jagd nach dem Affen. Aber ich glaube, so schnell werden sie den nicht erwischen." " Also hast du das Tier freigelassen, - ich hätte es wissen müssen " sagte ich zu ihm, " was denkst du dir eigentlich dabei, dem armen Mann so einen Streich zu spielen". Doch er lachte nur und meinte, schliesslich sei dem Tier ja nichts passiert und wenn es wieder eingefangen sei, wäre doch alles wieder in Ordnung. Ich fragte ihn, wie er es eigentlich geschafft habe, das Tier freizulassen. Worauf er mir erklärte, dass dies gar nicht so schwer gewesen sei. Er hätte den Leierkastenmann nur etwas ablenken müssen, den Karabinerhaken der Kette lösen - " und schon war´s passiert." Mittlerweile war es einigen jungen Leuten gelungen, das Äffchen einzufangen und dem Besitzer zurückzubringen, der ihnen dann - ehrlich wie er war, - die Belohnung übergab.

Hätte es damals Bananen bei uns gegeben, wäre die Jagd bestimmt nicht so schwer gewesen, doch nun war es ja geschafft. Nur einer lachte immer noch und freute sich wie ein Schneekönig, - mein Bruder.
Dies war nur einer der vielen Streiche, die er allein oder mit mir ausheckte und die ich nie vergessen kann.
Eduard Hahn

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